Unternehmernachfolge: Das Gefühl des Mittelstandes

Wie fühlt sich typisch mittelständisch an?

Das typische Mittelstandgefühl bemisst sich nicht in Zahlen, Daten und Fakten. Kennzeichnend für den Mittelstand ist das Zusammenspiel von Besitz bzw. Eigentum, Führung und Verantwortung. Der Unternehmer ist kein Manager oder Politiker. Manager treffen ihre Entscheidungen entlang von Quartalszahlen. Bei Fehlentscheidungen übernehmen sie (nur) verbal die Verantwortung dafür. Die Konsequenz ist, er/sie wird aus der Rolle entfernt oder bevor die negativen (Aus-)Wirkungen des Handelns sich offenbaren, verlässt er/sie die Rolle; nach dem Motto „Nach mir die Sintflut“.

Der Unternehmer eines mittelständischen Unternehmens tritt nicht zurück. Einer der wesentlichen Eigenschaften eines Unternehmers ist das niemals Aufgeben, denn Sie „unternehmen“ etwas. Damit denken und handeln sie nicht in Quartalszahlen oder in 5 Jahresabschnitten, sondern nur in langfristigen Zeiträumen (in Generationen).

Getätigte Fehlentscheidungen treffen sie unmittelbar und haben Auswirkungen auf das Eigentum, dessen „Geldbörse“ und auf die verwandtschaftlich verbundenen Menschen. Sie tragen als Eigentümer teilweise über mehrere Jahrzehnte hinweg die unternehmerische Verantwortung. Das Übernehmen von unternehmerischer Verantwortung ist in der Familie geübt, weil es ihre „DNA“ ist. Die große Verbundenheit von Familie und Betrieb betreffen alle lebenden Beteiligte der Familie. Solange Familienmitglieder sich im System befinden, ist stets eine hohe Emotionalität vorhanden. Da sind Konflikte nicht vermeidbar.

Gelungene Unternehmernachfolge

Was bedeutet diese Situation für eine gelungene Unternehmernachfolge bei den speziellen Unternehmertypen, die über mehrere Jahrzehnte in gewachsenen Strukturen arbeiten?

Damit die Weitergabe eines so strukturierten Betriebes funktioniert, müssen die abgebenden und übernehmenden Familienmitglieder einige wichtige Aspekte bei der Umsetzung auf jeden Fall berücksichtigen. Zunächst gibt es innerhalb der Familie sehr unterschiedlich gelagerte Interessen. Aus diesem Grund ist es sehr wichtig die gegenseitigen Erwartungen und Ängste mit externer Unterstützung (vertrauensvoller Coach/Moderator) transparent zu machen. Im nächsten Schritt wird geprüft, wie man mit dem Ergebnis so umgeht, so dass ein möglichst großer Konsens der Beteiligten für das weitere Vorgehen und der angestrebten Lösung erreicht werden kann.

Erwartungshaltungen sind einseitige Verträge, die der andere nicht kennt. Nur wenn man seine Erwartungen ganz konkret mit dem anderen teilt und schaut ob auch dessen Erwartungen sich damit in Einklang bringen lassen, dann sind mögliche Lösungen tragfähig und erfolgreich. Wenn zum Beispiel der Chef nicht loslassen will und gerne bis zum letzten Lebenstag im Betrieb eine sichtbare Rolle spielen möchte und der Lebenspartner stellt sich einen klaren Tag der Übergabe vor und möchte danach z.B. häufiger auf Reisen gehen, muss man frühzeitig für beide Erwartungshaltungen eine Lösung finden, damit der Übergabeprozess nicht scheitert.

Es gibt auch oft Erwartungen, die eigentlich versteckte Ängste widerspiegeln. So könnte die Angst bestehen, dass die Familie an dem Prozess auseinanderbricht oder das die nächste Generation scheitert und das Lebenswerk der Familie gefährdet. Auch Ängste hinsichtlich fehlender Unterstützung auf der einen Seite oder zu viel Einmischung auf der anderen Seite gilt es ernst zu nehmen und unbedingt transparent zu machen.

Im ersten Schritt werden nachfolgende Fragen im Rahmen eines gemeinsamen mehrtägigen Workshops aller beteiligten Familienmitglieder erschöpfend beantwortet:

1. Was ist die Absicht für die Staffelübergabe innerhalb der Familie?

2. Was sind die entscheidenden Erfolgsfaktoren, die eintreten müssen?

3. Was sollte/darf auf gar keinen Fall geschehen?

Ziel ist es, dass alle Erwartungen und Ängste der Beteiligten offengelegt und besprochen sind.

Der nächste Schritt ist das gemeinsame Aufstellen eines Übergabeplans mit einem klaren Zieltermin der „Staffelübergabe“. Dieser Übergabeprozess wird im Anschluss von dem Moderator/Coach eng begleitet.

Beispiel aus der Praxis

Den Prozess einer erfolgreichen Nachfolgeregelung haben die Verantwortlichen des Familienbetriebes Schnittker GmbH aus Hamm durchlaufen. Unterstützt wurden sie von den Moderatoren/Coachs Bernd Friedrich und Mirko Appel. Mitte Dezember 2021 war die Staffelübergabe vom Vater (63 Jahre) auf den Sohn (23 Jahre). Seitdem ist der Sohn der zweite Geschäftsführer des Familienbetriebes. Der Vater zieht sich Stück für Stück aus dem operativen Geschäft zurück. Das Ereignis wurde mit einer kleinen Feier mit allen Familienmitgliedern, Mitarbeiter*innen und Geschäftspartner*innen begangen.

© Bernd Friedrich Dezember 2021